„Ich habe mit dem Stift aber gar nicht gemalt!“
Eltern können sich gegenüber Kindern oft nicht durchsetzen / Schulung gab Vorschläge für den Umgang mit Machtkämpfen
Bützow * Was haben Kinder mit Schlauchbooten gemeinsam ? „Sie brauchen einen Rahmen, der sie hält“, sagt Erziehungsberater Thomas Rupf. Ohne einen festen Rahmen könne ein Boot ganz schnell an einer steinigen Wand zerschmettern. Mit Kindern sei es ähnlich.
„Machtkämpfe zwischen Eltern und Kindern“, hieß kürzlich eine Veranstaltung in der Freien Grundschule Bützow. In der Elternschulung, organisiert von der integrativen Kindertagesstätte des Heilpädagogischen Zentrums der Lebenshilfe Bützow, sprach Diplompädagoge Thomas Rupf über seine Erfahrungen als Erziehungsberater in einer Mutter-Kind-Kurklinik und gab Vorschläge für den Umgang mit kindlichen Machtkämpfen.
„Machtkämpfe kommen in jeder Familie vor“, sagt Rupf. Jedes Kind versuche, Grenzen auszutesten und seine Interessen durchzusetzen. „Alles nicht schlimm“, erklärt der Pädagoge, der Umgang damit sei entscheidend. Was sind Machtkämpfe ? So manch ein Elternteil musste schmunzeln bei den Beispielen, die er nannte. So gehöre schon der ganze morgendliche Ablauf dazu: Nicht aufstehen wollen, den Waschgang verweigern, nicht anziehen lassen. „Ein Kind kann die Muskelspannung so schlaff werden lassen, dass es sehr lange dauern kann eine Socke anzuziehen“, erklärte Thomas Rupf und lachte. Auch mit dem Spielzeug wegräumen sei es so eine Sache, und nur in Ausnahmefällen liegt es daran, dass ein Kind wirklich eine Hörschädigung habe.
Schreien, auf den Boden werfen, diskutieren, warum das Aufräumen jetzt nicht gut wäre, all das seien gesunde Machtkämpfe von Kindern. Zum Erziehungsproblem werde es erst, wenn Eltern in Bezug auf die Erziehung erschöpfen, wenn sie keine Zeit und keinen Raum mehr für sich haben. „Gespräche sind gut“, so Rupf, „aber nicht das lange Gerede um Regeln, die Kinder längst kennen.“
Nicht nur theoretisch ging es zu. Bei dem Stichwort Rollenspiel erfanden die Eltern ganz schnell witzige Ausreden, die sie des Öfteren von ihren Kindern hören, um nicht daran teilnehmen zu müssen. Es waren jedoch schnell „Schauspieler“ gefunden. Die Aufgabe lautete: Ein Kind soll einen Stift vom Boden aufheben. Denn auch Banalitäten können im Machtkampf enden.
Eltern lernen durch Rollenspiele
Der Bützower Ricardo Laasch bereitete die Rolle eines Vierjährigen vor. Die Eltern im Publikum gaben kleine Tipps. Sein Ziel: Ignoranz, dann rausreden, notfalls bockig werden. „Ich hoffe, dass meine Eltern den Stift aufheben“, zog Ricardo Laasch das Gelächter auf sich. In der Zeit besprachen Elternteil Carsten Tauchmann und Susanne Kähler, Erzieherin im Kindergarten, mit Thomas Rupf die Rolle der Eltern. Ihre Aufgabe war es gegenteiliger Meinung zu sein. Sie sollte es mit liebem Bitten versuchen, er bekam die Rolle des genervten Vaters. Das Ziel sollte nicht eine Idealsituation sein, sondern eine im Alltag vorkommende. Dann ging es los und die „Eltern“ hatten kein leichtes Spiel: Der „kleine“ Ricardo wollte fernsehen, der Vater las seine Zeitung, und die Mutter bat unermüdlich, der Junge möge den Stift aufheben. Sätze wie „Ich habe aber Durst“, Papa, sag doch auch mal was dazu“, „Ich will meine Ruhe“, „Ich habe damit gar nicht gemalt“ und „Wenn du den Stift aufhebst, darfst du auch noch den nächsten Trickfilm ansehen“, lieferten eine kampfähnliche Familiensituation. Die Zuschauer hatten viel Spaß. Dennoch nahmen die Anwesenden das Thema sehr ernst.
Viele richteten auch noch nach der Veranstaltung persönliche Fragen an den Erziehungsberater. Zwei Dinge seien bedeutend, so Rupf. Erstens: Grenzen setzen, Regeln aufstellen und Aufgaben durchsetzen. Zweitens: den eigenen Raum schützen. Wichtig seien klare Ansagen, anstatt langer Reden.
Die Eltern reagierten auf die vielen Beispiel Thomas Rupfs. Mit den Worten „was Sie mitnehmen wollen, müssen Sie selbst sehen“ beendete er die Veranstaltung.
Susanne Belosa
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