Alles nur halb so schlimm
Ein Kratzer im Lack, die Mülltonne des Nachbarn umgekippt: Selbst die bravsten Kinder stellen mal etwas an - sei es mit Absicht oder aus Versehen. Wie Eltern dann gelassen bleiben
Von Hanns-Stefan Grosch
Erinnern Sie sich an Michel aus Lönneberga ? Der kleine Held in dem berühmten Kinderbuch von Astrid Lindgren hat eine Menge kleiner Streiche auf Lager, mit denen er seine Eltern und andere Mitmenschen foppt. "Michel ist ein netter kleiner Junge", sagt seine Mutter alma Svensson zwar immer wieder - aber in den Tischlerschuppen wird der Lausejunge doch gelgentlich eingesperrt, wenn er es wieder allzu bunt getrieben hat.
Ein kleiner Michel steckt in den meisten Kindern - und mitunter richten die im Übermut oder aus Unachtsamkeit etwas an, was ihre Eltern ziemlich schlimm finden. So wie meine Nichte Ines und ihr Bruder Jan: Im vergangengen Sommerurlaub haben die beiden morgens in trauter Zweisamkeit die Wände ihres Hotelzimmers mit dicken Wachsmalkreiden verschönert. Das gab natürlich richtig Ärger mit der Hotelbesitzerin - und die Eltern mussten außer dem Aufenthalt auch noch die Renovierung zahlen.
"Wir wussten erst nicht, ob wir lachen oder weinen sollten", hat mir meine Schwester Charlotte später erzählt - gegenüber ihren Kindern entschlossen sie und ihr Mann Peter sich dann aber doch zu einem strengen Gesicht. Und damit lagen sie richtig: "Eltern dürfen ruhig zeigen, dass sie wütend sind", sagt Thomas Rupf, Erziehungsberater an der Barmer-Mutter-Kind-Klinik in Grömitz. Schließlich sollen die Kinder begreifen, dass sie eine Grenze überschreiten, wenn sie zum Beispiel fremdes Eigentum beschädigen. "Klare Grenzen helfen Kindern, ein Gefühl dafür zu entwickeln, wann sie zu weit gegangen sind", sagt Rupf. Dazu gehört eben auch, deutlich zu machen: "Wir haben dich lieb - aber was du da getan hast, können wir nicht tolerieren."
Natürlich sollen Eltern immer auch die Motive berücksichtigen: Hat es das Kind mit Absicht gemacht - oder doch nur aus Versehen ? Hat es genau gewusst, dass es das nicht tun darf ? Hat der Sprössling das womöglich schon öfter gemacht ? Diplom Pädagoge Rupf hält aber nichts davon, darüber lange zu diskutieren. "Kinder denken ich-zentriert und stellen ihre Bedürfnisse in den Mittelpunkt." So gesehen ist es natürlich, dass ein Kind etwas kaputt macht, wenn es wütend ist - oder eben die Wand anmalt, wenn es dazu Lust hat. "Die Gründe herausfinden zu wollen bringt da wenig - denn über ihre Motive sind sich die Kinder oft selbst nicht im Klaren."
Da wird eben mal der Tisch vollgekritzelt, mit dem Ball eine Beule ins Auto gemacht, das Nachbarsmädel an den Haaren gezogen. Solche Sachen passieren - aber wie gehen Eltern am besten damit um ? "Sie sollten ihrem Nachwuchs die Konsequenz seines Tuns vor Augen führen", sagt Experte Rupf: Was hat das Kind angestellt, warum ist das nicht erlaubt, was bedeutet das für den Betroffenen ? Auch das Kind sollte die Folgen zu spüren bekommen. Rupf: "Hat der Kleine sein Spielzeug kaputt gemacht, bekommt er eben kein neues gekauft - und muss mit dem Verlust leben."
Von Strafen im herkömmlichen Sinn hält der Erziehungsberater dagegen nichts: "Strafen haben in der Regel keinen zeitlichen und inhaltlichen Bezug zur Tat." Dass er nicht mehr fernsehen darf, weil er mit dem Fahrrad eine Macke in den Autolack gefahren hat - wie soll der kleine Racker das verstehen ? Hausarrest, Taschengeld-Entzug, Süßigkeitenverbot: Solche Strafen dienen höchstens der Machtdemonstration der Eltern. Sie bringen aber keinen Lerneffekt, sondern lösen bei den Kindern eher Ohnmacht und Wut aus.
Sie muss nicht förmlich sein,
die Entschuldigung - aber ernst gemeint
Besonders dramatisch finden es Eltern nach Rupfs Erfahrung, wenn ihre Kinder lügen oder etwas stehlen - und wollen das ihr Kind spüren lassen. "Das ist aber eine Erwachsenensichtweise, weil beides gesellschaftlich besonders verpönt ist." Der Experte beruhigt: Im Prinzip sind das Grenzüberschreitungen wie alle anderen. Aber auch hier muss das Kind für den Schaden geradestehen. Konsequenzen fürs Fehlverhalten - darum geht es. Und damit das funktioniert, ist es notwendig, das die Kinder die (Familien-) Regeln genau kennen. Nur so können sie die Verantwortung für ihre Handlungen übernehmen - ein ganz wichtiger Schritt zur Selbstständigkeit.
Der berühmte scharf geschossene Fußball, der die Fensterscheibe des Nachbarhauses zertrümmert, ist dafür ein gutes Beispiel. Die Kinder wissen eigentlich, dass sie vorsichtig sein sollen, weil wir es ihnen hundertmal eingeschärft haben - aber im Eifer des Gefechts passiert es dann eben doch. Das können Eltern nicht einfach auf die leichte Schulter nehmen. Schließlich ist ein Schaden entstanden, für den jemand aufkommen muss - egal ob sie selbst es sind oder die Versicherung. Je nach konkreter Situation und Alter des Täters bleibt der Geschädigte vielleicht sogar selbst auf seinen Kosten sitzen - meist keine gute Basis für eine gedeihliche Nachbarschaft.
Wenn das Eigentum von anderen in Mitleidenschaft gezogen wird, kommt als Konsequenz auch eine Kostenbeteiligung in Frage - selbst wenn sie oft eher symbolischen Wert haben wird. Doch der Beitrag vom Taschengeld bedeutet für den kleinen Sünder den Verzicht auf das gewohnte Comic - Heft oder den geliebten Schokoriegel - und zeigt dem Kind, was es angerichtet hat. Ein Kollege von mir hat eine zwölfjährige Tochter drei Monate lang eine horrende Telefonrechnung vom Taschengeld abstottern lassen - sie hatte trotz Verbot stundenlang vom Festnetz aus mit ihren Freunden auf dem Handy telefoniert. "Das ist dann keine Strafe, sondern eine Art Wiedergutmachung", lobt Pädagoge Rupf die Entscheidung des Vaters.
Oft ist es sinnvoll, gemeinsam mit den Kindern zu überlegen, wie etwas - wenigstens ein Stück weit - wieder gutgemacht werden kann. Wenn das nicht geht, bringt auch eine ernst gemeinte Geste etwas. Unser Sohn Emil hat kürzlich die Mülltonne des Nachbarn umgekippt - der durfte dann den Müll wieder zurück in die Tonne stopfen. Eine ziemlich unappetitliche Angelegenheit. Wir haben daraufhin mit Emil gesprochen. Er kam von sich aus auf die Idee, dem Nachbarn beim Zusammenrechen des Herbstlaubs zu helfen und hat ihm das auch gleich angeboten - klar, dass er da nicht mehr böse sein konnte.
Wichtig ist auch, dass die Kinder lernen, sich zu entschuldigen, wenn sie jemandem wehgetan oder etwas kaputtgemacht haben. "Doch gerade die Kontaktaufnahme, die Auseinandersetzung mit dem Geschädigten macht den Kindern die Folgen ihres Tuns bewusst", sagt Rupf. Die Kleinen finden dafür oft eine eigene Form. Hauptsache, die Entschuldigung ist ernst gemeint. Das ist allemal besser, als wenn sie bei jedem Anlass mechanisch "Entschuldigung" sagen, wie sie es bei "bitte" und "danke" gelernt haben.
"Unsere achtjährige Tochter Lena hat kürzlich ihren kleinen Bruder Lukas im Kleiderschrank eingesperrt - obwohl der panische Angst vor Dunkelheit hat", erzählte meine Freundin Claudia. Instinktiv hat sie darauf richtig reagiert: Sie hat Lena gefragt, warum sie das gemacht hat. "Ganz wichtig war es mir dabei, ihr klar zu machen, wie schlimm das für ihren Bruder war", sagt Claudia. Lena hatte das gar nicht gemerkt und sich sofort bei Lukas entschuldigt. Klar, dass sie ihm versprochen hat, das nicht mehr zu tun.
Die Sache war dann kein Thema mehr - zu Recht: "Es hat keinen Sinn, Kindern vergangene Untaten vorzuwerfen", sagt Rupf. Denn wie unter Großen gilt: Nachtragend sein ist keine Tugend.
Buchtipps
Hermann Liebenow: "Konsequenz - Eltern lernen, was Kinder brauchen", Reinhardt - Verlag, 12,90 Euro.
Fundierter Ratgeber für den konsequenten Umgang in der Familie.
Jan - Uwe- Rogge: "Kinder brauchen Grenzen" und "Eltern setzen Grenzen" - beide Rowohlt Taschenbuch, 9,90 bzw. 8,50 Euro.
In seinen zwei Klassikern veranschaulicht der Erziehungsexperte anhand vieler Beispiele, wie wichtig Grenzen sind - und dass auch schlimmere Streiche Regelverletzungen sind, die von den Eltern vor allem Konsequenz verlangen.
Thomas Rupf: "Ich muss meinem Kind alles zehnmal sagen. Erziehungsratgeber für Eltern", Verlag: BoD, 14,90 Euro.
Der Autor befasst sich in seinem Ratgeber mit den alltäglichen kleinen und großen Machtkämpfen zwischen Eltern und Kindern und gibt viele nützliche Tipps zur Konfliktbewätigung.
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